Alle chancen für jedes kind

"Die Stärke von guten Schulen ist, mit Unterschieden kreativ umzugehen, also Schülerinnen und Schüler individuell und gemeinsam zu fördern."

 

Statement der ehemaligen Schulleiterin Andrea Haus

Merkmale der Gesamtschule

Die Gesamtschule fasst die Bildungsgänge der Mittelstufe zu einer pädagogischen, organisatorischen und räumlichen Einheit zusammen und erteilt die Abschlüsse und Berechtigungen der drei Bildungsgänge der Sekundarstufe I.

Für mich sind die Hauptsäulen der Arbeit der Gesamtschulen:

  • Chancengleichheit
  • Soziale Integration
  • Individuelles Lernen

Chancengleichheit und soziale Integration

Kinder und Jugendliche haben heute mehr denn je unterschiedliche Lernvoraussetzungen, Erwartungen und Zukunftsperspektiven.

Das moderne Schulsystem muss sich gerade angesichts der Unterschiede in den Lernvoraussetzungen verabschieden von der Erwartung, man könne Kinder einteilen in drei oder vier Lernniveaus oder Begabungsgruppen.

Vielmehr sollten wir uns fragen: Was für Lernvorhaben können Kinder so unterschiedlicher Voraussetzungen gemeinsam verwirklichen? Wie können alle davon profitieren?

  • Von den angloamerikanischen und den skandinavischen Ländern unterscheidet sich das Schulwesen im deutschsprachigen Raum in einem zentralen Punkt: Es beruht auf der Überzeugung, dass leistungshomogene Gruppen den Schulerfolg fördern. Die meisten Kinder in Deutschland müssen zu früh eine Wahl treffen, die für ihr ganzes Leben schicksalsschwere Folgen hat, denn parallele Schulformen bieten völlig verschiedene Chancen um sich im Leben zu etablieren.
  • In einem hierarchisch aufgebauten, selektiven Schulsystem ist es der einzelnen Schule möglich, ihre Ergebnisse dadurch zu verbessern, dass sie sich der Schüler entledigt, die ihre Werte drücken können. Das ist der gravierende Unterschied vor allem zur skandinavischen Schule: will diese ihre Ergebnisse verbessern, muss sie sich aller Schüler annehmen, auch derer, mit denen sie es nicht einfach hat.
  • Hier zu Lande muss nicht die Schule für die Schüler, sondern die Schüler für die Schule geeignet sein.

Ich denke, wir brauchen ein Schulsystem, das den Anspruch hat, kein Kind zurückzulassen und auszugrenzen. Davon sind wir in Deutschland weit entfernt!

In erfolgreichen Bildungsnationen sind die Schulen dafür verantwortlich, die verschiedenen Fähigkeiten und Interessen der Schüler kreativ zu nutzen. In Deutschland hingegen werden die Probleme einfach auf Schulformen mit geringeren Anforderungen abgeschoben. Chancenungerechtigkeit können wir uns aber auf Dauer nicht leisten!

  • In Deutschland übersehen wir, dass eine solide Ausbildung vieler sozialer Ausgrenzung vorbeugt und dadurch später kostspielige Bildungs- und Eingliederungsmaßnahmen entfallen
  • In einer demokratischen Gesellschaft dürfen wir es nicht zulassen, dass die Bildung an die Klasseneinteilung der Gesellschaft gekoppelt ist.
  • Die Schulgemeinschaft sollte der Struktur der demokratischen Gesellschaft entsprechen.

Schule sollte Kindern Zeit zur Entwicklung geben und Schule muss diese Zeit nutzen, um alle Schüler zu fördern und sie gleichzeitig zu bestmöglichen Leistungen zu ermutigen. Eine IGS bietet hierfür meines Erachtens die besten Voraussetzungen.

Es ist nicht wahr, dass - wie ich über eine Schule mit G8-Modell las - dort Klassengemeinschaften von Anfang bis Ende der Schulzeit bestehen. Denn: Das wunderbare Instrument des Sitzenbleibens hat nirgendwo ein extremeres Ausmaß als in Deutschland.

  • Eine Klassenwiederholung wirkt sich meist nicht positiv auf die Leistungsentwicklung des Schülers aus.
  • Zwar zeigen einige Studien kurzfristig einen Leistungsvorsprung der Repetenten gegenüber ihren Mitschülern in der aufnehmenden Klasse, dieser verflüchtig sich jedoch mittel- und langfristi
  • Eine Klassenwiederholung beeinflusst den sozioemotionalen Bereich des Schülers entweder negativ oder gar nicht.

Finnland kennt keine Sitzenbleiber mehr, außer wenn ein Kind lange krank war. In Deutschland weist PISA bei 38 Prozent der Schüler verzögerte Schulkarrieren aus. Das kostet Milliarden!

Übrigens: In Bayern und Sachsen-Anhalt ist mit rund 40 Prozent das Risiko, eine Klasse wiederholen zu müssen am größten.

Für mich ist es eine Illusion zu glauben, Lehrerinnen und Lehrer fühlten sich uneingeschränkt dem Prinzip der individuellen Förderung verpflichtet, wenn unser Schulsystem ihnen nahe legt, auf Lernprobleme mit Sitzen lassen und Abstufung im Schulsystem zu reagieren und dementsprechend für die individuelle Förderung auch kaum Unterstützung vorhanden ist.

Das deutsche Schulsystem bringt keine guten Durchschnittsleistungen, keine überzeugenden Spitzenleistungen, es ist sozial ungerecht wie kaum ein anderes Land, benachteiligt Kinder aus Migrations- und Arbeiterfamilien erheblich, führt zu äußerst großen Unterschieden zwischen den fünf Prozent leistungsschwächsten und fünf Prozent leistungsstärksten Schüler/innen.

Die Schüler/innen empfinden weltweit mit den stärksten Leistungsdruck und fühlen sich nur sehr wenig von ihren Lehrerinnen und Lehrern unterstützt.

Alle diese negativen Ergebnisse entwickeln sich jedoch erst nach der Grundschule in der Sekundarstufe I oder werden dort erheblich verstärkt.

  • Wir wissen auch, je früher Schüler auf der Grundlage ihrer bisherigen Schulleistungen unterschiedlichen Schulformen zugewiesen werden, umso größer ist der familiäre Einfluss auf die erzielten Schulleistungen.
  • In keinem anderen Bildungsland, außer Österreich, wird schon nach dem 4. Schuljahr eine Vorentscheidung darüber getroffen, ob jemand nun Facharbeiter oder Facharzt wird.
  • In keinem anderen Land ist die soziale Herkunft für den Schulerfolg so entscheidend wie bei uns in Deutschland.

 

Individuelles Lernen

Es ist schlicht falsch, das zeigt sich auch am Beispiel Finnland, dass eine möglichst hohe Bildung der gesamten Gesellschaft der individuellen Förderung besonders begabter Schüler entgegen steht.

Laut OECD ist das finnische Bildungssystem so erfolgreich, weil es sozialen Ausgleich durch Bildung erreicht, ohne dabei die gezielte Unterstützung der besonders Begabten zu vernachlässigen.

Abgesehen von einem Schulsystem, das den Anspruch hat, kein Kind zurückzulassen und auszugrenzen ist die innere Haltung der Lehrkräfte und die Schulkultur das Entscheidende. Diese führen zu einer am Schüler orientierten Förderung.

Eine schwedische Lehrerin erzählte: "Wenn ein Kind etwas nicht versteht, suchen wir so lange nach Lernwegen für dieses Kind, bis wir den richtigen gefunden haben."

  • In den Ländern, die in der PISA-Studie gut abgeschnitten haben werden alle Schüler länger als in Deutschland gemeinsam unterrichtet und in viel stärkerem Maß individuell gefördert.
  • Ergebnis der stärkeren individuellen Förderung der einzelnen Schüler ist eine, im Vergleich zu Deutschland, schwächere Koppelung von sozialer Herkunft, ethnischer Zugehörigkeit und Bildungserfolg.
  • Die Gruppe derjenigen, denen notwendige Basisqualifikationen fehlen, ist erheblich kleiner und der Anteil derjenigen, die Spitzenleistung zeigen, deutlich höher.

Der Paradigmenwechsel zu integrierten Schulsystemen, der in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in anderen europäischen Ländern politisch vollzogen wurde, hat dort die Grundeinstellungen der Lehrerinnen und Lehrer zu Heterogenität nachhaltig verändert. In Deutschland wird die Strukturreform (noch) blockiert.

 
Auch in Deutschland müssen wir erkennen...

  • ... dass jede Schülerin und jeder Schüler mit ihrem/seinem Potenzial und Interesse anerkannt und individuell gefördert werden muss,
  • ... dass Lehrer allen Schülern vielfältige und herausfordernde Lerngelegenheiten bieten müssen, damit diese individuelle Lernfortschritte machen können und bewusst erfahren, wie sie am besten lernen,
  • ... dass die Verantwortung für das eigene Lernen entwickelt und unterstützt wird durch das Ethos der Schule, die Rückmeldungen der Lehrkräfte, durch lernförderliche Beziehungen in der Lerngruppe und durch eine echte Einbeziehung der Schüler in die Gestaltung von Lernsituationen.

Heute - und das freut mich sehr - findet sich bei den Lehrkräften erstmals eine Mehrheit (56 %) für eine längere gemeinsame Schulzeit für alle Kinder nach der Grundschule; Eine entsprechende Umfrage bei Politikern würde wahrscheinlich noch etwas anders ausfallen.

1998 sprachen sich nur 24 Prozent der befragten Lehrer für eine längere gemeinsame Schulzeit der Schüler aus.

Die Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gelingt in Deutschland nicht. Während in anderen Ländern Migrantenkinder mit der Aufenthaltsdauer ihre Schulleistungen verbessern, werden sie in Deutschland immer schlechter. Zu diesem Ergebnis kommt die Auswertung der PISA-Studie unter Migrationsaspekten.

Die mangelnde Förderkultur im deutschen Schulsystem dokumentiert sich auch in einer großen Anzahl an Jugendlichen, die Jahr für Jahr die Schule ohne Bildungsabschluss verlassen.

Wie bereits gesagt:

  • In einer demokratischen Gesellschaft dürfen wir es nicht zulassen, dass die Bildung an die Klasseneinteilung der Gesellschaft gekoppelt ist.
  • Die Schulgemeinschaft sollte der Struktur der demokratischen Gesellschaft entsprechen.
  • Es ist von enormer Bedeutung, dass die Schüler aus den unterschiedlichen Gesellschaftsklassen in derselben Schule lernen und sich daran gewöhnen, mit Verschiedenartigkeit umzugehen.

 

Nun kurz noch zu zwei Dingen, die damit in Verbindung stehen:

 


Deutschland gibt zu wenig Geld für Bildung aus

  • Nur 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts fließen in unserem Land ins Bildungssystem.
  • Dänemark, Island, Norwegen, Schweden und Belgien investieren über 6 Prozent.
  • Auch wenn man die Ausgaben der Wirtschaft im dualen System hinzu rechnet, bleibt die Summe öffentlicher und privater Bildungsinvestitionen in Deutschland mit 5,3 Prozent unter dem OECD-Durchschnitt von 5,8 Prozent.

Bildung ist kein Kostenfaktor, sondern eine Investition! Und der Einsatz verzinst sich höher als Geld auf einem Bankkonto. Denn das Risiko, arbeitslos zu werden, nimmt mit steigendem Bildungsgrad deutlich ab.

Außerdem ist Schule heute oft die einzige oder bedeutendste Institution die stabile soziale Kontakte stiftet, interkulturelles Lernen ermöglicht und Bildungsangebote bereitstellt.

Wir müssen auch mehr Geld für Ganztagsschulen ausgeben! Unsere Schule wurde nie als Lebensort konzipiert. Sie setzt auf Belehrung. Sie geizt mit Raum und Zeit für die Eigenständigkeit und Zusammenarbeit der Schüler - und auch der Lehrer.

Gerade was Integration anbelangt, tragen Ganztagsschulen einen großen Teil bei: Nämlich indem sie zum sozialen Zusammenhalt von Kinder beitragen und teilweise die unterschiedlichen häuslichen Bedingungen ausgleichen.

Die Ganztagsschule hat mehr Zeit für die Kinder. Kinder haben dort mehr Zeit zum Lernen. Sie haben auch mehr Zeit für das Leben in einer Gemeinschaft. Kinder brauchen Kinder um sich herum. Ich werde dieses Thema aber jetzt nicht weiter ausführen.

 

Zusammengefasst

Wir brauchen eine Schule, die fördert und fordert, nicht aber Auslese betreibt.

Eine Schule, in der Schüler nicht mehr Leistungsdruck als Unterstützung wahrnehmen.

Eine Schule, die fragt, wie muss ich mich verändern, damit ich die optimalen Bedingungen für die Kinder biete. Es kann nicht länger so sein, dass sich die Kinder der Schule anpassen müssen.

Wir brauchen Schulen für Alle, in der jedes Kind optimal gefördert wird.

Langes gemeinsames Lernen ist das Erfolgsrezept der PISA-Sieger wie Finnland und Schweden.

Wir brauchen Gesamtschulen, die den Kindern und Jugendlichen die Zeit und die Flexibilität bieten, um deren individuellen Entwicklung gerecht zu werden.

Ich denke Schule muss weg von Massenabfertigung hin zum individuellen Lernen.

Daher bietet gerade die IGS als Schulform - neben der Grundschule - die beste Möglichkeit der individuellen und gezielten Förderung von Kindern und beide Schulformen kommen dem hochgelobten finnischen System am nächsten.

Das Kind wird in der IGS nicht von Anfang an auf einen Abschluss festgelegt. Außerdem gibt diese Schulform durch das Kurssystem dem Kind die Möglichkeit, ohne Frustration und Motivationsschwund auch in seinen schwachen Fächern mitzuarbeiten. Vorübergehende Probleme werden hier nicht gleich durch Sitzenbleiben oder gar einen Schulwechsel bestraft. Trotzdem wird von den Kindern durchgehend Leistung verlangt.

 

Statement von Schulleiterin Andrea Haus