Immer wieder anders

Pädagogische Perspektiven: "Es muß eine Lust bleiben, sich zu verändern!"

Es gibt noch viel zu tun... Gedanken zum Englischunterricht

Von Heiner Ruckelshausen

Die altbewährte Lebensweisheit "Was ewig gut war, kann doch nicht auf einmal schlecht sein" (Persil bleibt Persil) gerät heftig ins Wanken, wenn wir sie auf das Schulfach Englisch anwenden. Da gilt es dann zu fragen: Was war denn ewig gut? Dazu ein kurzer Exkurs in die Geschichte.

Jahrhundertelang gilt, daß Fremdsprachenkenntnisse nur für Akademiker und wenige andere Privilegierte wichtig waren. Sie wurden auch nur in der Höheren Schule vermittelt. Die historische Mutter jeglichen Fremdsprachenunterrichts ist das Latein. Die Vermittlungsmethode bestand darin, daß die Zöglinge über Jahre zunächst in der Grammatik dieser Sprache gefestigt wurden, bevor sie dann in den Abschlußklassen auch an die Lektüre ausgewählter Originaltexte herangeführt wurden. Als im 17. Jahrhundert Französisch im Fächerkanon der Höheren Schule aufgenommen wurde und im späten 18. Jahrhundert das Englisch auftauschte, wurden in beiden Fällen die Lehrmethoden des älteren Lateinunterrichts unverändert übernommen. Das war insofern selbstverständlich, als die Ziele ebenfalls identisch waren: Die Zöglinge sollten an die großen Werke der fremdsprachigen Literatur geführt werden. Es war nie das Ziel, die jungen Menschen in irgendeiner Umgangssprache flügge zu machen. So ist es zu verstehen, daß die altehrwürdige Lehrmethode des frühmittelalterlichen Lateinunterrichts sich auch in den modernen Fremdsprachen einnistete und - um den geschichtlichen Ausflug abzukürzen - noch heute das populäre Image für einen ordentlichen Fremdsprachenunterricht bestimmt. Selbst Menschen, die nie in ihrer Schulzeit eine Fremdsprache gelernt haben - und das sind derzeit noch weit über 70 % aller Bürger über 40 - "wissen" worauf es ankommt: Grammatik, Vokabeln, Rechtschreibung und richtige Sätze bilden. Und blickt man als unbefangener Elternteil ins schulische Umfeld, so scheinen viele Indizien die Gültigkeit dieser tradierten Denkfolie zu unterstützen. Daß die Erfolgsquote des in Deutschland praktizierten Englischunterrichts so verheerend niedrig ausfällt, muß andere Ursachen haben. Die Kinder sind ja auch nicht mehr so...

Legen wir einmal unsere Schulbrille ab und schauen uns in der Welt um, die unsere Existenz heute ausmacht. Ist es nicht atemberaubend, wie sehr die englische Sprache am Funktionieren vieler Bereiche beteiligt ist? Unaufhaltsam dringen englische Wörter in unsere eigene Sprache ein für Dinge, die wir auf deutsch nicht benennen können. Oder wissen Sie ein deutsches Wort für "spray", für "jeans", single, skateboard, baby-sitter, talk-show, interview...? Die Zahl dieser sogenannten Anglizismen beträgt derzeit etwas 80.000. Wohin wir auch schauen, überall begegnet uns Englisch. Es ist heute die internationale Verkehrssprache (lingua franca) im Welthandel, in den Wissenschaften, in der Pop-Kultur, in der Diplomatie und in der grenzüberschreitenden touristischen Begegnung.

Die Englischkurse unserer Volkshochschulen sind überbelegt, private Sprachenschulen schießen wie Pilze aus dem Boden, größere Konzerne bilden ihre Mitarbeiter in eigenen Sprachlehrgängen aus, immer mehr Stellenanzeigen erscheinen in englischer Sprache und schließen somit den Unkundigen gleich aus. Ob wir es wollen oder nicht, Englisch gehört heute zur grundsätzlich verbrieften Bildungsausstattung eines jeden Bürgers. Bereits 1969 forderte der Europarat - das sind die Regierungen von 22 europäischen Staaten - daß jeder Bürger in Europa mindestens eine große Kommunikationssprache als Fremdsprache lernen sollte. Und wenn alle Europäer als erste Fremdsprache Englisch lernten, dann gäbe es keine Sprachschwierigkeiten mehr. Die Entscheidung für Englisch erfolgte praxisorientiert: Es wird bereits von 700 Millionen Menschen auf der Erde gesprochen (davon 390 Millionen als Muttersprache), während Französisch, an zweiter Stelle, es nur auf 150 Millionen bringt.